DZLM-Direktor Jürg Kramer zur Situation des deutschen Mathematikunterrichts

 

Internationale Mathematik-Tests wie TIMSS oder PISA stellen deutschen Schülerinnen und Schülern kein gutes Zeugnis aus. Der Mathematikunterricht an den Schulen ist nicht ganz unschuldig daran. Dabei könnten Lehrerinnen und Lehrer mit einigen Änderungen im Unterricht schon viel bewirken. Wo die Probleme liegen, wie man sie lösen kann und wie Lehrer dabei unterstützt werden können, erläutert Prof. Jürg Kramer, Direktor des Deutschen Zentrums für Lehrerbildung Mathematik (DZLM). 

Frage: Deutsche Schülerinnen und Schüler schneiden im internationalen Vergleich in der Mathematik nach wie vor nur mittelmäßig ab. Studien belegen, dass eine Ursache in der Gestaltung des Mathematik-Unterrichts zu suchen ist. Wo liegen dort vor allem die Probleme?

Jürg Kramer: Als aktuelles und ganz wesentliches Problem sehe ich den Übergang von G 9 zu G 8, also die Verkürzung der Gymnasialzeit. Dadurch kommt es zur Verdichtung von Lehrplänen – Unterrichtsstoff wird komprimiert und in kürzerer Zeit vermittelt. Das ist problematisch, vor allem für die leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler. Aber nicht nur die Gymnasien sind betroffen, wo in der Regel ausgebildete Mathematiklehrerinnen und -lehrer den Unterricht erteilen.

Frage: Welche Schwierigkeiten gibt es darüber hinaus?

Jürg Kramer: An Grund- und Hauptschulen haben wir die Situation, dass dort ein erheblicher Teil der Lehrpersonen Mathematik fachfremd unterrichtet, also im Grunde während des Studiums nicht dafür ausgebildet wurde. Somit fehlt oft die Qualifizierung, um die wichtigen Grundlagen der Mathematik zu vermitteln. In der Sekundarstufe I wiederum ist ein Problem, dass der Unterricht meistens zu kalkülorientiert ist. Aus Tests wie PISA geht hervor: Im deutschen Mathematikunterricht fehlt vielfach die offene und spielerische Herangehensweise an das Fach, die die Kreativität der Schülerinnen und Schüler weckt. Kreativität wiederum ist der Problemlösekompetenz der Schülerinnen und Schüler förderlich.

Frage: Wie müsste der Mathematikunterricht also didaktisch aufbereitet werden, um die Schülerinnen und Schüler besser dort abzuholen, wo sie stehen und gleichzeitig Neugier und Spaß am Fach zu wecken?

Jürg Kramer: Wichtig in allen Klassenstufen ist eine entspannte Herangehensweise an das Fach. Es muss – vor allem im Hinblick auf die Schulzeitverkürzung – genug Zeit zum Üben bleiben, um alle Schülerinnen und Schüler mitnehmen zu können. Außerdem sollen die verschiedenen Unterrichtsinhalte nicht solitär, wie Themen-Inseln oder einzelne Schubladen, betrachtet, sondern miteinander vernetzt werden, um Bezüge zwischen einzelnen Bereichen deutlich zu machen.

Frage: Nennen Sie ein konkretes Beispiel?

Jürg Kramer: Man kann zum Beispiel Aufgaben der Arithmetik nicht völlig losgelöst von der Wahrscheinlichkeitsrechung (Stochastik) betrachten. Denn wenn ich in der Arithmetik Bruchrechnung betreibe, ist das ja durchaus vergleichbar mit der Stochastik. Wenn ich dort Verhältnisse zwischen günstigen und möglichen Ergebnissen feststelle oder relative Häufigkeiten berechne, ist das auch Bruchrechnung. Entsprechend soll man den Schülern intelligente Aufgaben stellen, die diesem Vernetzungsaspekt Rechnung tragen.

Frage: Was können Lehrerinnen und Lehrer darüber hinaus tun?

Jürg Kramer: Sie können den Schülerinnen und Schülern im Unterricht die Nützlichkeit und Anwendbarkeit der Mathematik vor Augen führen, indem sie ihnen anhand realistischer Beispiele zeigen, wo wir überall im Alltag auf Mathematik stoßen. Außerdem halte ich es für wichtig, die Schülerinnen und Schüler zu fordern und sie zu ermuntern, sich der Lösung einer Aufgabe auf verschiedenen Wegen zu nähern. Gruppenarbeit eignet sich sehr gut dafür und sollte von den Lehrpersonen gefördert werden.

Frage: Viele Lehrer scheinen – trotz besten Willens – Probleme zu haben, den Unterricht entsprechend zu gestalten. Fehlen ihnen wichtige Voraussetzungen?

Jürg Kramer: Neben dem bereits erwähnten Beispiel der fachfremd unterrichtenden Grundschullehrerinnen und -lehrer haben wir in allen MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) das Problem des Lehrermangels. Deshalb werden auch Quereinsteiger ohne entsprechende pädagogische und didaktische Ausbildung eingestellt. Hinzu kommt, dass die Heterogenität der Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren zugenommen hat. Die Lehrpersonen haben im Unterricht Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Bildungshintergründen und aus vielen verschiedenen Herkunftsländern. Jede Schülerin und jeder Schüler bringt also andere Voraussetzungen mit. Und nicht nur Quereinsteiger, sondern auch regulär ausgebildete Lehrpersonen haben ein Problem damit, Schülerinnen und Schüler mit weit auseinander liegenden Leistungsniveaus zu unterrichten ­­– weil sie im Lehramtsstudium nicht darauf vorbereitet wurden.

Frage: Ohnehin scheint es im Studium etliche Versäumnisse zu geben…

Jürg Kramer: Wir haben es bei der Ausbildung an der Universität mit der sogenannten doppelten Diskontinuität zu tun: Die Studienanfängerinnen und -anfänger lernen in den Lehrveranstaltungen eine Mathematik kennen, die nichts mehr mit ihrer Schulmathematik zu tun hat. Wenn sie später die Uni verlassen, um an einer Schule zu unterrichten, merken sie wiederum, dass das, was sie sich an der Hochschule angeeignet haben, nur wenig mit der Mathematik im Schulalltag zu tun hat. Es findet im Studium also keine wirkliche Verzahnung von Fachwissen und Fachdidaktik statt.

Frage: Wo können hier Fortbildungen ansetzen, wie sie das DZLM anbietet?

Jürg Kramer: Ganz wichtig sind unterrichtsnahe Angebote, die schnell umsetzbare Impulse für einen lebendigen Unterricht geben. Dabei hat es sich bewährt, die Fortbildungen von einem Dozenten-Tandem bestehend aus Wissenschaftlerin/Wissenschaftler und Lehrerin/Lehrer, durchführen zu lassen. Denn so kommen wissenschaftliches Fachwissen und Praxiserfahrung gleichermaßen zum Einsatz. Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass Lehrerfortbildungen dann besonders effektiv sind, wenn sie nicht nur als einmalige Veranstaltung stattfinden, sondern die Lehrpersonen eine Zeit lang begleiten. Denn so können die Kurs-Teilnehmenden ihre Erfahrungen mit der Umsetzung der Kurs-Inhalte nach ein paar Wochen oder Monaten reflektieren und nachbereiten.

Frage: Welche Hausaufgaben müssen in diesem Zusammenhang das deutsche Schulsystem bzw. die zuständigen Ministerien machen, um zu einer Verbesserung des Unterrichts beizutragen?

Jürg Kramer: Es müssen verbindliche Rahmenbedingungen für regelmäßige Fortbildungen der Lehrpersonen geschaffen werden. Insbesondere muss Lehrerinnen und Lehrern Zeit für Fortbildung gegeben werden. Dies ist umso wichtiger, als die einzelnen Bundesländer ihren Schulen bildungspolitische Veränderungen in einem rasanten Tempo zumuten, das viele Lehrpersonen zutiefst frustriert. Denn diese wollen natürlich eine gewisse Kontinuität und Ruhe in den Mathematikunterricht bringen. Deshalb sehe ich auch die administrative Seite hier in der Pflicht.

 

Mit Jürg Kramer sprach DZLM-Redakteurin Mareike Knoke.