Erzieherinnen und Erzieher machen Mathematik – Interview zum Start in Thüringen


Nach Abschluss des ersten Intensivkurses "EmMa" in Berlin können ab Herbst nun auch Erzieherinnen und Erzieher in Thüringen die Fortbildungsreihe besuchen – im Interview erzählt die Kurskoordinatorin vor Ort, wie EmMa den mathematischen Blick schärft und was sie von Berlin nach Thüringen mitnimmt.

Mathematik ist ein weEine Teilnehmerin macht Mathematik in der Kitasentlicher Bestandteil im Alltagserleben und Spielverhalten von Kindern, zum Beispiel in Bezug auf Muster, Formen, Zahlen und Größen – und das nicht erst ab der Schulzeit.

Die am DZLM entwickelte Fortbildungsreihe "EmMa – Erzieherinnen und Erzieher machen Mathematik" unterstützt Elementarpädagoginnen und -pädagogen dabei, Kindern diese Entdeckungen schon früh bewusst zu machen. Im Juli 2015 haben nun die ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmer den im Herbst gestarteten Intensivkurs in Berlin abgeschlossen – im Herbst geht es weiter.

Mit dabei war auch Nadine Puschner, Grundschullehrerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Mathematikdidaktik der Universität Erfurt. In Kooperation mit dem DZLM wird sie EmMa ab Herbst 2015 nun auch für Erzieherinnen und Erzieher in Thüringen anbieten.Vor dem Start erzählt sie, wie EmMa den mathematischen Blick bei allen Beteiligten schärft.

Das Interview führte Franziska Löhr vom Diakonischen Bildungsinstitut Johannes Falk, einem Kooperationspartner des DZLM vor Ort. Es ist dem gerade erschienenen Kurskatalog des DBI entnommen. In diesem finden sich auch Informationen zum Kursablauf und zur Anmeldung sowie ein Hintergrundbericht von DZLM-Länderkoordinatorin und EmMaTH-Projektleiterin Prof. Dr. Regina Möller.
 

Franziska Löhr: Was verbirgt sich hinter „EmMa“?

Nadine Puschner: „EmMa“ ist eine Fortbildungsreihe für Elementarpädagoginnen und Elementarpädagogen, die am Deutschen Zentrum für Lehrerbildung Mathematik, getragen von sieben Hochschulen, entwickelt und mehrfach erprobt wurde.
Die Kurzform „EmMa“ steht dabei für „Erzieherinnen und Erzieher machen Mathematik“. Und der Name ist Programm: Die Mathematik mit all ihren Facetten und natürlich die pädagogische Arbeit der Kolleginnen und Kollegen aus dem Elementarbereich stehen im Mittelpunkt.

Welche Ziele sollen durch das Projekt erreicht werden?

Mathematische Lernprozesse beginnen nicht erst mit der ersten Mathematikstunde, sondern bereits in den ersten Lebensmonaten. Mathematik ist ein wesentlicher Bestandteil des kindlichen Alltagserlebens und des kindlichen Spiels. Mathematische Kompetenz entwickelt sich allerdings nicht „nebenbei“, sondern sie entsteht in der Auseinandersetzung mit mathematischen Inhalten. Kinder brauchen in ihrer Entwicklung Erwachsene, die sie bei dieser Auseinandersetzung begleiten, die ganz gezielt entsprechende Angebote bereitstellen und die ihnen helfen, sich ihrer Entdeckungen bewusst zu werden, sie „zur Sprache bringen“.

Ganz konkret und auf den Punkt gebracht: Es geht darum, mathematisch reichhaltige Situationen im Alltag der Kinder zu erkennen und aufzugreifen oder zu schaffen und das Vorgehen der Kinder angemessen zu versprachlichen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Erkennen von Fortschritten, aber auch von Unterstützungsbedarf in der mathematischen Entwicklung der Kinder, und in diesem Zusammenhang die Planung geeigneter Fördermaßnahmen. Die Fortbildungsreihe „EmMa“ möchte die Elementarpädagoginnen und -pädagogen bei diesen herausfordernden Aufgaben unterstützen.


Vor welchem Hintergrund ist das Projekt entstanden?

Im Laufe der ersten Lebensjahre sammeln die Kinder Raumerfahrungen, wenn sie auf einen Stuhl klettern und die Welt „von oben“ betrachten. Sie erkunden die Eigenschaften von geometrischen Objekten und lernen dabei, dass ein Ball rollt. Auch ein erster Umgang mit Mengen und Zahlen – in Spielen und Abzählreimen – gehört zu den grundlegenden mathematischen Erfahrungen, die die Basis für das spätere (schulische) Lernen bilden. Allerdings sind diese Erfahrungen sehr individuell. Untersuchungen haben gezeigt, dass die im Zusammenhang mit der Mathematik stehenden Kenntnisse der Kinder zum Schulbeginn, die sogenannten Basiskompetenzen, einen entscheidenden Einfluss auf das weitere Lernen und die späteren schulischen Leistungen im Fach Mathematik haben. Oder anders gesagt: Kinder, die mit geringeren mathematischen Vorkenntnissen in die Schule starten, haben ein größeres Risiko, im Fach Mathematik „zu versagen“.

"Die mathematischen Entwicklungsprozesse in der Kindergartenzeit haben einen besonderen Stellenwert."

Die in der Kindergartenzeit stattfindenden mathematischen Entwicklungsprozesse haben damit in der und für die Bildungsbiografie von Kindern einen besonderen Stellenwert. Dies wird durch die Aufnahme der „Mathematischen Bildung“ in die Orientierungspläne für den Elementarbereich deutlich. Auch das Deutsche Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM), das seit seiner Gründung 2011 durch Fortbildungsangebote Pädagoginnen und Pädagogen aller Schulstufen dabei unterstützt, Verständnis und Begeisterung für die Mathematik zu wecken, trägt der großen Bedeutung früher mathematischer Bildungsprozesse Rechnung und hat mit der Entwicklung von „EmMa“ sein Angebot auf den Elementarbereich ausgeweitet.

Wer hat das Konzept entwickelt? Was war handlungsleitend?

Wie schon gerade angesprochen, ist „EmMa“ eine Entwicklung des DZLM, genauer gesagt haben Dr. Julia Bruns und Lars Eichen von der Humboldt-Universität zu Berlin, einer Trägerhochschule des DZLM, als Mitarbeiter der Abteilung Elementarbereich und Primarstufe das Konzept entwickelt und sind aktuell auch als Referententeam in Berlin tätig. Auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse haben die beiden eine Fortbildungsreihe entwickelt, die vorhandenes Fach- und Handlungswissen der Elementarpädagoginnen und -pädagogen aufgreift und weiter ausbaut.

Eine Besonderheit ist dabei, dass die Fortbildung, den Prinzipien des DZLM entsprechend, nicht als eintägige Veranstaltung stattfindet, sondern sie besteht aus mehreren Phasen und erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Insgesamt werden sechs verschiedene Module zu unterschiedlichen (mathematischen) Themenbereichen, z.B. „Raum & Form“, „Mengen & Zahlen“ oder zum Beobachten und Dokumentieren von mathematischen Lernprozessen angeboten. In jedem Modul findet eine eintägige Präsenzveranstaltung statt, in der – neben einem fachlichen thematischen Überblick – konkrete Umsetzungsmöglichkeiten erarbeitet werden. In den Phasen zwischen den Präsenztagen, den sogenannten „Praxisphasen“, können die Teilnehmer die neuen Ideen direkt erproben.

Woher kommt Ihr Interesse für mathematische Lernprozesse im Elementarbereich?

Mein Interesse an frühkindlichen Bildungsprozessen ist natürlich für mich als Grundschullehrerin „berufsbedingt“, hat sich in den letzten Jahren durch meine Arbeit in der mathematisch-didaktischen Ausbildung von angehenden Lehrerinnen und Lehrern aber noch verstärkt. Im Rahmen der Praktika an den Schulen begegne ich gemeinsam mit den Studierenden immer wieder Kindern, die zum Teil große Lernschwierigkeiten im Fach Mathematik aufweisen. In der Auseinandersetzung mit dieser Thematik zeigt sich: Eine erfolgreiche Bildungsbiografie ist in erster Linie das Ergebnis vielfältiger und anregender Lernangebote in der frühen Kindheit. Diese frühkindlichen Bildungserfahrungen sind auch die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen in der Schule und bilden damit die „Basis“ für unsere Arbeit als Grundschullehrer. Das gilt in besonderem Maße für mathematische Lernprozesse.


Aus der Forschung ist bekannt, dass Kinder, die zu Schulbeginn beispielsweise bei den Zählfertigkeiten hinter gleichaltrigen Kindern zurückbleiben, mit recht großer Wahrscheinlichkeit auch die Kinder sind, bei denen im 1. oder 2. Schuljahr Lernschwierigkeiten im Fach Mathematik festgestellt werden. „Lücken“ im Kenntnisstand, die im Übergang vom Kindergarten zur Grundschule bestehen, werden also nicht automatisch kleiner, sondern immer größer. Aber: Die Forschung zeigt auch, dass Kinder, bei denen diese „Lücken“ bereits im Kindergarten erkannt werden und die eine entsprechende Anregung bzw. Förderung erhalten, im zweiten Schuljahr oftmals durchschnittliche, manchmal sogar überdurchschnittliche Leistungen zeigen! Dieses Beispiel macht für mich einmal mehr die gemeinsame Verantwortung von Kindergarten und Schule für gelingende (mathematische) Bildungsprozesse deutlich.

Sie sind gerade selbst teilnehmende Beobachterin an einer Pilotfortbildung in Berlin – warum lohnt es sich, an dieser Fortbildungsreihe in Eisenach teilzunehmen?

In Berlin werden aktuell zwei „EmMa“-Kurse angeboten und – aufgrund der großen Resonanz – laufen die Planungen für eine Fortsetzung, d.h. für eine neue Gruppe von Fortbildungsteilnehmerinnen und -teilnehmern, ab Herbst 2015. Da der Weg nach Berlin weit ist, lohnt sich eine Teilnahme in Eisenach [lacht]. Nein, im Ernst, durch die Teilnahme an einer laufenden Fortbildungsreihe und einen intensiven Austausch mit den Kursentwicklern vom DZLM, aber auch mit den teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen vor Ort, konnte ich mich von der Nachhaltigkeit und den positiven Wirkungen des Konzeptes überzeugen. Ich habe erlebt, wie sich die Teilnehmenden im Laufe des Kurses gegenüber der Mathematik, aber auch gegenüber den Referenten und den anderen Kursteilnehmern (weiter) geöffnet haben, wie sich der „mathematische Blick“ geschärft hat und den Elementarpädagoginnen und -pädagogen das Erkennen und Beschreiben von mathematischen Situationen im Kindergartenalltag bzw. das Gestalten von mathematischen Lernumgebungen für die Kinder immer besser gelingt.

"Neugierig bleiben und mit Kindern mathematikhaltige Situationen entdecken"

Dieser Zuwachs wird nicht zuletzt durch den wiederholten Wechsel von Präsenz- und Praxisphasen erreicht. Im Vergleich zu einer „klassischen“ Fortbildung besteht bei „EmMa“ die Möglichkeit, Erfahrungen aus der Umsetzung der geplanten Ideen – also aus den Praxisphasen – beim nächsten Präsenztreffen mit der Gruppe zu teilen, über Gelungenes, aber auch über aufgetretene Schwierigkeiten zu berichten und so gemeinsam nach Alternativen zu suchen. Es geht also neben einem fachlichen Input auch um eine gezielte Begleitung der praktischen Umsetzung. Ab Herbst 2015 startet die „EmMa“-Reihe als „EmMaTH“ („Erzieherinnen und Erzieher machen Mathematik – Thüringen“) in Eisenach. Die Erfahrungen, die ich selbst als Teilnehmerin in Berlin gemacht habe, zum Teil auch weitere Ideen, die in der Reflexion mit den Kursentwicklern entstanden sind, werden in die Fortbildungsgestaltung einfließen. Ich freue mich, gemeinsam mit Patricia Methling, die seit vielen Jahren am DBI Johannes Falk in Eisenach (elementar-) pädagogisches Fachpersonal ausbildet, die Fortbildungsreihe zu gestalten.

Besonderer Bonus: Für die Teilnehmer besteht die Möglichkeit, die Kursentwickler kennenzulernen, da sie an den ersten beiden Modulen teilnehmen werden. Zudem werden die Kosten der Mathematik-Fortbildung vom Deutschen Zentrum für Lehrerbildung und der Deutschen Telekom Stiftung gefördert – es fallen also keine Teilnahmegebühren an.

Was möchten Sie unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

Mathematik ist mehr als Zählen und Rechnen und findet sich in vielen Bereichen unseres Alltags: beim Tischdecken, beim Einkaufen, in der Schwimmhalle, an der Hausfassade, beim Busfahren. Bleiben Sie neugierig und machen Sie sich gemeinsam mit den Kindern auf die Suche nach „mathematikhaltigen Situationen“ – Sie werden überrascht sein, wie vielfältig und schön die Mathematik sein kann!